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Es ist eine der unglaublichsten Geschichten, die es aus der Zeit des Bürgerkrieges auf Mallorca zu erzählen gibt. Und eine derjenigen, die bisher kaum erzählt wurde. Vielleicht, weil sie so unglaublich ist. Im MM ist diese Begebenheit noch nie erwähnt worden.

Die Rede ist von den "Norats", Vater und Sohn, zwei Männer aus Santa Maria, die sich jahrelang, mehr als ein Jahrzehnt, im Bergwald versteckten, um nicht von den Franquisten entdeckt und erschossen zu werden. Am 28. Juli vor nunmehr 80 Jahren begannen im Dorf Santa Maria die ersten Verhaftungen. Da wusste der Vater, dass es Zeit war, sich und den 19-jährigen Sohn in Sicherheit zu bringen. Aber der Reihe nach ...

Honorat Tries Gama aus Sa Cabaneta verdiente sein Geld als Arbeiter im Straßenbau und zeitweise als Köhler im Wald. Später lebte der Mann mit Frau und Sohn Jaume am Ortsrand von Santa Maria, in einem Haus auf dem Land. Es war kein einfaches Leben, aber man hatte ein Auskommen und träumte von besseren Zeiten. "Norat", wie Vater Honorat von allen genannt wurde, war politisch aktiv, setzte seine Hoffnung auf eine - aus seiner Sicht - gerechte Gesellschaft und gründete eine kommunistische Zelle in seinem Heimatdorf. Sein Sohn, Jahrgang 1916, trat mit 17 in die sozialistische Gewerkschaft UGT ein.

In jener Zeit der Spanischen Republik - König Alfonso XIII. hatte bereits 1931 abgedankt - putschte das Militär gegen die Regierung und löste damit im Juli 1936 den Bürgerkrieg aus. Auf Mallorca hatten die Offiziere, ihre Mannschaften und die sie unterstützende rechtsextreme Mini-Partei Falange Española vom ersten Tag an die Macht fest im Griff. Der junge Jaume Trias musste mit ansehen, wie drei Kavallerie-Offiziere nach Santa Maria kamen, in der Bar Can Mort das einzige Radiogerät zerstörten und das örtliche Gewerkschaftsbüro verwüsteten. Man war gewarnt, rechnete aber damit, dass die politischen Wirren, die auf dem spanischen Festland und in Madrid herrschten, in ein paar Tagen ausgestanden sein würden.

Doch dann erfolgten Festnahmen und die ersten Mitglieder der Linksparteien wurden erschossen in den Straßengräben aufgefunden. Aus dem Aufstand des Militärs war blutiger Ernst geworden, und als Honorat Tries am Morgen beim Tränken seiner Stute einen Lastwagen voller Falangisten die unasphaltierte Straße auf sein Haus heranrumpeln sah, nahm er Reißaus, rannte über die Felder hinterm Haus auf die Berge zu und versteckte sich. Als er sicher war, keine Verfolger auf seiner Fährte zu haben, begab er sich zu seinem Sohn, der bereits in einer abgelegenen Tenne auf dem Landgut Son Torrella übernachtet hatte. Die beiden Norats hegten keine Zweifel, dass ihnen Ungemach drohte. Wenn schon einfache Mitglieder der Linksparteien durch Kopfschüsse liquidiert wurden, durften die lokalen Führer keine humanere Behandlung für sich erwarten.

Die ersten fünf Nächte verbrachten Vater und Sohn im Wald. Mallorca war damals weit weniger besiedelt als heute, und das bergige Gebiet, das sich zwischen Bunyola, Santa Maria und Alaró in die Höhen erstreckt, ist auch heute noch so weitläufig und bewaldet, dass unkundige Wanderer sich erheblich verirren können. Die Norats kannten sich in dem zerklüfteten Gebiet gut aus, vom Holz sammeln, Kohle brennen und jagen. Sie wussten um Grotten, Erdlöcher und Höhlen, in denen sie sich verbergen konnten.

Die mit ihnen befreundete Familie Morro aus Santa Maria versorgte die Norats hin und wieder mit Lebensmitteln und Kleidung. Es war der sechs Jahre alte Joan Morro Serra, der ihnen an unterschiedlichen Plätzen wie verabredet einen Laib Brot, Hülsenfrüchte oder eine Wurst hinterlegte, einen Eulenruf imitierte und sich dann rasch entfernte.

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Die beiden Flüchtigen hatten lediglich mit wenigen Tagen im Verborgenen gerechnet. Tatsächlich wurden 13 Jahre daraus, die sie unter unvorstellbaren Entbehrungen hinter sich bringen mussten.

"Sie waren immer in Bewegungen, hielten sich nie länger an einem Ort im Wald auf, durchstreiften die Berge bis nach Esporles, Valldemossa und Lluc, immer auf der Suche nach Essbarem und auf der Flucht von Passanten", sagt Martí Canyelles. Der Lehrer aus Santa Maria ist heute einer jener Menschen, die sich intensiv mit dem Schicksal der beiden Waldläufer beschäftigt haben, nachdem er bereits als Jugendlicher die Erwachsenen in unbeobachteten Momenten von den "Norats" raunen hörte.

In den ersten Jahren des Bürgerkrieges veranstalteten die Falangisten regelrechte Treibjagden, um die Norats zu fassen. Einmal kamen sie ihnen so nah, dass die auf einem Johannisbrotbaum versteckten Männer ihre Verfolger sprechen hören konnten, wie sie sie mit Schüssen in die Beine foltern würden.

Es hätte vermutlich mehrere Tote gegeben. Denn die Norats besaßen eine Flinte und eine Pistole, mit denen sie sich sicher gewehrt hätten. Auch bewegten sie sich stets mit Abstand zueinander fort, damit, falls einer von ihnen gestellt werden würde, der andere fliehen könnte.

Dennoch war die Angst ein ständiger Begleiter, nicht nur bei den Beiden, sondern auch bei jenen, die ihnen heimlich Hilfe zukommen ließen. Das war auch der Grund, weshalb sich Vater und Sohn nicht offenbarten, selbst als die Franquisten nicht mehr jeden Gegner sogleich an die Wand stellten. Die Norats wollten in den anstehenden Verhören ihre Helfer nicht verraten müssen.

Am Ende finanzierten Letztere 1949 eine teure Flucht an Bord eines Schmugglerbootes nach Algier, das damals zu Frankreich gehörte. Dort konnten Vater und Sohn, nach einem Monat Gefängnis wegen illegaler Einreise, Arbeit in der Landwirtschaft und später auf dem Bau finden. Jaume Tries, der von 19 bis 32 Jahren einzig seinen Vater als Ansprechpartner hatte, lernte schließlich bei seinem Arbeitgeber aus Ibiza dessen Tochter kennen und heiratete sie später. Als in den 1960er Jahren der Unabhängigkeitskrieg in Algerien ausbrach, konnte Jaume Tries seine Frau und den Schwiegervater nach Ibiza begleiten, ohne Verfolgung fürchten zu müssen. Dort ist dann 1982 auch Vater Honorat gestorben. Die Familie hatte eben Trauer angelegt, als plötzlich Martí Canyelles und Mateo Morro aus Santa Maria vor der Tür standen. Die jungen Lokalforscher waren gekommen, um die Geschichte erstmals von den Norats selbst zu hören und zu dokumentieren. Damals, als viele noch immer nicht wagten, über die Franco-Zeit zu sprechen.

(aus MM 31/2016)