Die Geräuschkulisse in der Werkstatt "Bujosa" in Santa Maria ist ohrenbetäubend, in der Luft liegt ein leicht unangenehmer Geruch. Vermutlich nach Maschinenöl, auf jeden Fall alt. Alt sind auch die rohen Steinwände, die mechanischen Konstruktionen, die Garn auf Spindeln aufrollen und die ausladenden Webstühle. "Mehr als 100 Jahre", bestätigt ein Mann, der gekonnt eine der antiken Maschinen anhält und sich über den Stoff beugt, der vor ihm entsteht: "Teles de Llengües", zu Deutsch: "Zungenstoff" oder auch "Flammenstoff". Tatsächlich scheinen die Muster aus verschiedenfarbigem Baumwoll- und Leingarn an den Kanten zu verlaufen wie flammende Feuerzungen.

Seit Jahrhunderten werden die "Teles de Llengües" auf Mallorca hergestellt, gelten als typische Textilie der Insel. "Hier wollen wir diese Tradition weiterführen", berichtet Maribel Bujosa. Ihr Großvater war es, der die Werkstatt 1949 eröffnete, gemeinsam mit ihrem Bruder Guillermo führt sie den Familienbetrieb in der dritten Generation weiter. In dem Verkaufsraum gleich neben der Werkstatt ist zu erkennen, wie vielfältig die "Teles de Llengües" sind. "Die Farben variieren und auch die Muster. Letztlich ist kein Stück wie das andere", betont Bujosa. Angewandt wird die spezielle Färbe- und Webetechnik "Ikat". Hierbei wird durch teilweises Abschnüren verhindert, dass sich die Farbstoffe an allen Stellen der Fasern gleichmäßig ausbreiten und stattdessen hellere und dunklere Farbnuancen zurückbleiben. Beim Weben werden die Fäden so zusammengebracht, dass Muster entstehen, die auf Vorder- und Rückseite identisch, aber jedes für sich einzigartig sind. "Jeder Hersteller gibt seinen Stoffen dadurch eine eigene Note." Mit ihren Angestellten färbt Bujosa einmal pro Woche Fasern.

Lange Zeit über war der robuste Stoff unter Mallorquinern als Dekoration modern. Bis heute gibt es kaum ein von der älteren Generation bewohntes Haus, in dem das Gewebe nicht zu entdecken ist: in Vorhängen, im Polstersessel, im Sofa oder im Kissen. Dass sich in den vergangenen Jahren auch die jüngere Generation immer mehr für den Stoff begeistern kann, ist nicht zuletzt Betrieben wie "Bujosa" zu verdanken, die an der Tradition festhalten. Nur eine Handvoll Hersteller gibt es noch auf der Insel, das macht die Stoffe exklusiv. Und Exklusivität und Tradition kommen auch bei Touristen gut an.

Ähnliche Nachrichten

"Viele suchen das Typische von hier", berichtet María Isabel Sancho. In ihrem Laden "Artartà" in Artà, rund 60 Kilometer östlich von der Werkstatt "Bujosa" in Santa Maria, ist nicht nur ein Märchenmuseum mit mallorquinischen Figuren untergebracht, sondern auch die Produkte zahlreicher hiesiger Künstler und Designer, die Einzelstücke herstellen. Auch die flammenartigen Muster der "Teles de Llengües" tauchen hier immer wieder auf. Nicht nur als Vorhang vor der Umkleide, sondern auch in zahlreichen Verkaufsartikeln. Vor allem Handtaschen aus dem Zungenstoff sind derzeit in. Man bekommt sie als bedruckte Imitate des echten Stoffs in Touristenshops, oder als echte "Tela de Llengües"-Accessoires in lokalen Geschäften wie "Artartà" oder auf Märkten.

Einzigartiger sind dagegen die bunten Kleider und Röcke, die ordentlich an einer Kleiderstange gegenüber der Umkleidekabine hängen und ebenfalls aus dem Zungenstoff gefertigt sind. "Die verkaufen sich super, so etwas findet sich sonst so gut wie gar nicht auf der Insel", berichtet Ladeninhaberin Sancho. Sie kennt die Designerin der Kleider schon, seit diese ein kleines Kind war. Heute ist Aina María Esteva 37 Jahre alt, hat selbst zwei Kinder und eine Festanstellung in einer Bank. An dem Aufbau ihrer Marke "11ikat" arbeitet sie erst seit anderthalb Jahren, in ihrer Freizeit, in einem kleinen Nebengebäude auf ihrer Finca bei Artà. Schnittmuster liegen hier auf Tischen, halbfertige Kleidungsstücke hängen an Bügeln, in einer Kiste liegen zusammengefaltet einige Bahnen des Zungenstoffs. "Für mich sehen die Muster wie Zeichnungen aus, es ist Kunst", findet Esteva. Sie ist Ur-Mallorquinerin und hat mehrere Weiterbildungen im Bereich Schneiderei gemacht, schon immer war die Arbeit mit Stoff ihr Hobby. "Meine Mutter und Großmutter waren Stickerinnen, schon als Kind habe ich neben ihnen gesessen und zugesehen", so Esteva. Dass sie einmal selbst ihre eigenen Designs verkaufen würde, davon hat sie immer geträumt. "Spätestens durch die Wirtschaftskrise sind so viele Familienunternehmen mit verschiedensten traditionellen Produkten in meiner Umgebung pleitegegangen. Das finde ich traurig. Ich will Tradition aufrechterhalten."

Altes mit neuem Design verbinden, Kunst mit Mode, das ist ihr Ziel. Lange und kurze Kleider, Röcke für Frauen und für Kinder entwirft und näht Esteva, alle aus "Tela de Llengües". Bis zu zehn Stunden braucht sie vom ersten Schnittmuster bis hin zur Fertigstellung. "Viele denken, der Stoff sei zu hart, um als Kleidung genutzt zu werden, aber das stimmt nicht, er ist ähnlich robust und komfortabel wie Jeansstoff", sagt sie. Außerdem ergänzt sie die Kleidung teilweise auch mit ganzen Partien aus Leinen. An einigen Exemplaren findet sich der Zungenstoff nur an Säumen oder Kragen. "Als kleines Highlight", so Esteva. Die Handarbeit hat ihren Preis: Je nachdem, wie viel Zungenstoff ein Kleidungsstück enthält, werden 90 bis 250 Euro für den Kunden fällig. "Dafür ist jedes Stück ein Unikat und ich fertige auch individuell nach Maß an", sagt Esteva, die nicht nur in dem Laden in Artà, sondern auch online ihre Sachen anpreist (www.11ikat.com) und sogar nach Deutschland versendet. Sie kauft ihre Stoffe in Pollença, in der Textilfabrik "Teixits Vicents" - einer der wenigen, die wie die Bujosas in Santa Maria auf die Herstellung der Traditionsstoffe spezialisiert sind. Hier ist die Technik etwas moderner, die Produktionszahlen höher. Auch "Vicents" versucht sich seit Kurzem an der Kreation von Kleidung aus Zungenstoff. "Außer ihnen weiß ich von niemandem sonst, der das tut. Aber ein wenig Konkurrenz ist gut und belebt den Markt", findet Esteva. Sie achtet darauf, dass ihre Designs denen von "Vicents" nicht in die Quere kommen. "Ich lasse mich von den Menschen von hier inspirieren, von der Mode und den Charakteren." Wen sie damit erreichen will? " Am liebsten alle. Gerne Einheimische. Aber auch Menschen von außerhalb, die das Besondere auf Mallorca suchen."

(aus MM 40/2016)