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Warum sagt man DER Junge, DIE Frau - aber DAS Mädchen? Und warum spricht man bei der Zahl 21 die Eins vor der Zwei und sagt nicht Zwanzig-und-Eins?

Was uns Deutschen ganz automatisch über die Lippen geht, bereitet so manchem Spanier Kopfzerbrechen. Nicht umsonst gilt Deutsch gemeinhin als schwer zu erlernende Sprache. Wegen der Artikel, wegen der langen zusammengesetzten Nomen à la "Wurstwarenfachverkaufsassistentin" und natürlich wegen der Grammatik. Vier Fälle statt wie im Spanischen zwei, das bedeutet nicht nur mehr Deklinationen, die zu erlernen sind, sondern auch zunächst ein Grundverständnis des deutschen Sprachsystems; wenn der Genitiv bereits so manchem Deutschen schwerfällt, wie ist es dann für Spanier, in deren Muttersprache dieser Kasus gar nicht vorhanden ist?

"So schwer ist es gar nicht. Das Gute ist, dass das Deutsche generell sehr logisch und systematisch aufgebaut ist", berichtet Elena Meliveo, Leiterin der Sprachschule "Akzent" in Palma. "Fast alles im Deutschen kann man mit Regeln erklären. Wer daran Spaß hat, der kann es gut lernen." So positiv will es Natalia Palafuteva, Leiterin der Sprachschule "Idiomas Mallorca", nicht ausdrücken. "Motivation ist natürlich ein wichtiger Faktor. Aber vielen fällt Deutsch schwerer, als sie sich zuvor erhofft haben."

Schwer hin oder her - gerade auf Mallorca scheint Deutsch in vielen Bereichen unumgänglich. Wer sich Stellenausschreibungen anschaut, der sieht: In zahlreichen Fällen sind die Kenntnisse der deutschen Sprache Grundvoraussetzung für die Arbeitgeber. "Ich würde sogar sagen, Deutsch ist hier wichtiger als Englisch", bewertet Meliveo. Auch wenn diese Meinung umstritten ist - die Deutschkurse an den zahlreichen Sprachschulen der Insel sind durchweg gut besucht. "Vor allem in der Krise ist die Zahl der Anmeldungen bei uns gestiegen", berichtet Bàrbara Sastre. Sie ist die Leiterin des Fachbereichs Deutsch an der "Escuela Oficial de Idiomas" in Manacor. Die Mallorquinerin lebte selbst zehn Jahre lang in Deutschland, spricht so gut wie akzentfrei und hat jahrelange Erfahrung als Deutschlehrerin. Auch sie kennt viele Fälle, in denen die Schüler vor allem wegen des Berufes in die Sprachschule finden.

Ela Lakomska zum Beispiel. Die Polin lernte in ihrem Heimatland ab dem zehnten Lebensjahr in der Schule Deutsch, hatte das Fach bis zum Abitur - etwas, das auf Mallorca ungewöhnlich ist. Hier wird Deutsch in der Regel nur als Wahlfach wenige Stunden pro Woche angeboten. Trotz ihrer guten Ausbildung und umfangreicher Kenntnisse nimmt Lakomska an Bàrbara Sastres Fortgeschrittenenkurs teil. "Ich würde gerne mit Kindern arbeiten, und da reicht es den Arbeitgebern oft nicht, wenn man Deutsch kann, aber kein offizielles Zertifikat darüber hat", berichtet sie. "Viele Arbeitgeber wollen es schriftlich haben, vor allem bei der Bewerbung auf höhere Stellen", bestätigt auch Sastre.

Sie versucht, dass ihre Schüler möglichst viel aus ihrem Fortgeschrittenen-Unterricht mitnehmen - selbst wenn sie schon gut sprechen. Das Niveau ist hoch, die Lehrinhalte anspruchsvoll. "'Durch Abwesenheit glänzen', habt ihr den Ausdruck schon einmal gehört", fragt Sastre in die Runde. Ela Lakomska und ihre Mitschüler Joan Pascual - ein Architekt, der Ferienhäuser vermietet und mit seinen Kunden auf Deutsch kommunizieren will - und Ignasi Peres - ein Griechischlehrer, der sich generell für Sprachen interessiert - schauen Sastre mit großen Augen an. Nur Rafael Kindermann nickt mit dem Kopf. Der 16-Jährige hat deutsche Vorfahren und spricht akzentfrei, hat aber nie eine deutsche Schule besucht. "Umgangssprachliche Ausdrücke kenne ich, aber hier lerne ich auch Vokabeln zu fachlichen Themen", erklärt er.

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Nicht jeder ist so bestrebt, gut Deutsch zu sprechen. Rudolfo Sanz beispielsweise könnte mit Deutsch in seinem Kellnerjob in einem Vier-Sterne-Hotel an der Playa de Palma glänzen. "Aber meine Chefs verlangen es nicht und es geht auch so", erzählt der 28-Jährige. Deutsch sei keine schöne Sprache, findet er. "Und fast alle deutschen Gäste verstehen mich auch auf Englisch. Das gab bisher nie Probleme." Ihm genügt es, nur das Wichtigste zu können. Wasser mit Kohlensäure zum Beispiel. Klein, groß, bitte, danke. "Solche Wörter lernt man ja automatisch", sagt er. "Und ich habe einfach nicht das Bedürfnis, mehr auf Deutsch sagen zu können, die Hauptsache ist ja, dass man sich auf irgendeine Weise verständigen kann."

Natalia Méndez sieht das anders. Die 32-Jährige kellnert in einem Restaurant in Cala Millor. "Wir haben deutsche Stammkunden, die immer wieder kommen und mittlerweile freut man sich, wenn man sich sieht. Es stört mich, dass die Konversation nicht über einen gewissen Punkt hinausgehen kann, weil sie kein Spanisch verstehen und ich nur so wenig Deutsch kann", findet sie. Sie versucht vor allem im Winter, wenn das Restaurant geschlossen hat, durch Online-Angebote Deutsch zu lernen. "Das ist günstiger als Sprachschulen. Aber da muss man sich wirklich jedes Mal aufs Neue selbst motivieren, das ist nicht so leicht", sagt sie.

"Es gibt auf Mallorca viele Menschen, die schon ein bisschen Deutsch können, weil sie es sich zum Beispiel auf der Arbeit im Kontakt mit Kunden angeeignet haben", berichtet Bàrbara Sastre von der "Escuela Oficial de Idiomas". "Das ist einerseits von Vorteil, andererseits ist es aber sehr schwierig, diesen Leuten ihre Fehler auszubügeln", weiß sie. "Wenn sie ihre Gäste beispielsweise jahrelang gefragt haben 'Was möchten Sie für essen' statt 'zu essen' und nie korrigiert wurden, dann dauert es, bis sie sich das abgewöhnen." Elena Meliveo von der Sprachschule "Akzent" sieht das ähnlich: "Die Leute müssen dann bereit sein, die Grundlagen zu erlernen. Bei vielen kommt dann irgendwann die Erleuchtung und sie freuen sich, dass sie endlich Regeln für Dinge lernen, bei denen sie sich vorher nie sicher waren."

Viele Sprachschulen bieten extra für Menschen, die im Gastro- und Tourismusgewerbe arbeiten, spezielle Sprachkurse an. "Hier stehen dann Verkaufsgespräche und spezifisches Vokabular im Vordergrund", so Natalia Palafuteva von "Idiomas Mallorca". In einigen Fällen tragen die Unternehmen die Kosten dann mit.

"Auch in anderen Berufsgruppen ist Deutsch auf Mallorca wichtig. Wir haben viele Schüler, die als Juristen oder Architekten arbeiten", so Meliveo. "Natürlich sprechen fast alle Deutschen Englisch, aber gerade wenn es um komplizierte Sachverhalte geht, ist ihnen Deutsch lieber, und nicht wenige Unternehmer passen sich diesen Bedürfnissen an."

Bei all den Schwierigkeiten - bei einem können die Spanier im Deutschen punkten. "Viele Wörter wie 'definitiv', 'plausibel' oder 'konkret' stammen aus dem Lateinischen und sind im Spanischen fast gleich", sagt Sastre und ermuntert ihre Schüler: "Wenn ihr die Wörter benutzt, klingt es für die Deutschen sehr gebildet, dabei sind sie für uns kinderleicht."

(aus MM 50/2016)