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Der Meteorologe Sven Plöger erkundete Mallorca am Steuer eines Loryc mit Elektroantrieb. Im MM-Interview spricht er über den Klimawandel und jene, die ihn nicht wahrhaben wollen.

Mallorca Magazin: Der Meteorologe Sven Plöger im E-Auto – nur aus Spaß, oder steckt da auch eine Botschaft dahinter?

Sven Plöger: Beides. Es macht Spaß, speziell auf dieser herrlichen Insel. Aber es gibt auch eine Message. Als Meteorologe ist man sehr nah dran am Thema Klimaschutz und will auch gerne einen eigenen Beitrag leisten. Klimaschutz – und E-Mobilität ist eine Form davon – kann Spaß machen, diese Message kann man gut versenden.

MM: Sind Elektroautos wirklich d i e Lösung?

Plöger: D i e Lösung bei einer komplexen Problematik zu finden, ist schwierig. Man muss immer eine Abwägung treffen. Klarer Vorteil der E-Mobilität: Da, wo das Auto fährt, entstehen keine Emissionen, weder Abgase noch Lärm. Aber es bleiben natürlich Fragen: Wie entsteht der Strom, wie entstehen die Batterien, und wie werden sie später entsorgt? Klar ist, wir müssen weg von der fossilen Energie, und die Elektro-Mobilität ist – neben Wasserstoff und vielen anderen Projekten – ein guter Weg dahin, auf dem es auch noch viele technische Fortschritte geben wird.

MM: Sie sind privat auch schon umgestiegen?

Plöger: Bei der Mobilität noch nicht, aber bei der „Immobilität”: Ich habe eine Solaranlage auf dem Dach meines Hauses, produziere damit meinen eigenen Strom und das Warmwasser. Geheizt wird – über den erzeugten Strom – mit Infrarotheizplatten, aber auch mit Holz.

MM: Was sagen Sie jenen, die am Klimawandel zweifeln? Die gibt es ja nicht nur in den USA.

Plöger: Ja, die gibt es, und unglücklicherweise ist einer davon gerade auch noch amerikanischer Präsident. Das Hauptproblem: Das Thema Klimawandel ist ungeheuer komplex. Wenn jemand etwas nicht versteht, kann das dazu führen, dass er es auch nicht glaubt, vielleicht nicht glauben will. Denn eine Welt, in der wir für Klimaänderungen nichts können, ist eine schönere Welt – wir sind dann schließlich nicht verantwortlich und müssen ergo auch nicht handeln.

MM: Sie haben vier Bücher zu dem Thema geschrieben. Versuchen Sie doch eine einleuchtende Erklärung.

Plöger: Man muss sich eines klarmachen: Natur und Mensch verändern das Klima gemeinsam. Das Klima hat sich schon immer geändert, das ist ein normales Geschehen, und wir Menschen kommen „on top”. Der entscheidende Punkt: Auf unserem Planeten Erde vollziehen sich klimatische Veränderungen global immer schneller. Ein Planet beschleunigt aber nichts aus Lust und Laune. Die Wissenschaft sagt deshalb, dass 50 bis 75 Prozent der derzeitigen Klimaänderungen menschengemacht sind. Wir tragen also sehr wohl Verantwortung und müssen handeln.

MM: Und wissenschaftlich ist das eindeutig?

Plöger: Schaut man sich die wissenschaftliche Literatur an, und das sind Zehntausende Artikel und Forschungsarbeiten weltweit in den entsprechenden Fachzeitschriften – englischsprachig und sehr mathematiklastig –, dann kommt man klar zu dem Schluss: Ja, diese Veränderungen sind real. Deshalb gibt es auch immer weniger Leute, die den Klimawandel an sich verneinen. Aber es gibt die Haltung: Nicht der Mensch ist schuld. Aber die Kritiker können nicht erklären, was zu diesen schnellen Veränderungen führt, wenn es nicht der Mensch ist.

MM: Wo stehen wir denn? Ist es fünf vor zwölf?

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Plöger: Ich möchte weder den erhobenen Zeigefinger ausfahren noch eine Apokalypse ankündigen. Wir haben noch etwas Zeit zum Handeln – Größenordnung 20 Jahre. Aber es muss dann auch gehandelt und nicht nur geredet werden. Seit der ersten weltweiten Umweltkonferenz vor 26 Jahren in Rio de Janeiro ist der Kohlendioxidausstoß um 60 Prozent gestiegen. Wir müssen pragmatisch und ideologiefrei handeln. Dann kann man durchaus noch zu einem optimistischen Ergebnis kommen.

MM: Wir schauen nach Kioto oder Paris. Was kann denn der Einzelne tun?

Plöger: Es gibt Hunderte von Ratgebern dazu. Die stehen auch bei vielen Menschen im Bücherregal. Also: Lesen und machen, was drinsteht. Das ist natürlich eine Riesenlitanei. 30 Prozent der Emissionen in Europa kommen von der Mobilität. Ich kann hinterfragen, ob jede Fahrt notwendig ist, öffentliche Verkehrsmittel benutzen, auf E-Autos umsteigen. Anderes Beispiel: Setzen Sie beim Kochen einen Deckel auf den Topf, das spart 30 Prozent Energie. Wichtiger Nebeneffekt: Sie sparen Geld! Mir persönlich ist es völlig egal, aus welchen Motiven heraus jemand klimafreundlich ist. Die Summe des lokalen Handelns macht den globalen Effekt.

MM: Haben Sie sich auch mit den Auswirkungen des Klimawandels auf den Mittelmeerraum beschäftigt?

Plöger: Im Zentrum meiner Überlegungen steht zwar Mitteleuropa, aber eine Auswirkung im Mittelmeerraum können mit der weiter steigenden Wassertemperatur sogenannte „Medicane“ sein. Es sind kräftige Tiefdruckwirbel mit heftigen Stürmen und Starkregen, die in ihrer Struktur durchaus an tropische Wirbelstürme erinnern.

MM: Wie hat der Klimawandel Ihr Berufsbild verändert? Früher waren Meteorologen einfach fürs Wetter zuständig.

Plöger: Das sind sie auch immer noch. In einer zweiminütigen Wettersendung kann ich nicht viel über den Klimawandel sagen. Das mache ich in Dokumentationen oder in Vorträgen. Aber: Die Wettervorhersage ist eng damit verbunden. Beispiel Starkregen: Die Prognose ist anspruchsvoller geworden, weil mehr Warnlagen existieren. Wir müssen die Bevölkerung informieren, haben aber mit gewissen Ungenauigkeiten zu tun. Das sogenannte Nowcasting, kurzfristige Vorhersagen, werden wichtiger.

MM: Da kommen wir zu einem schönen Thema: Meteorologen stehen im Ruf, sich ständig zu irren. Retten Sie die Ehre Ihres Berufsstandes!

Plöger: Das kann ich sehr gut. Erstens, wenn ich meine Mails checke, komme ich zu einem anderen Schluss: 95 Prozent freuen sich darüber, dass die Prognosen gut sind. Aber wir können das auch statistisch angehen: Bei Prognosen für den Folgetag liegen wir zu 90 bis 93 Prozent richtig. Ein guter Wert. Das heißt aber auch: An knapp einem von zehn Tagen liege ich falsch. Und welchen Tag merkt sich der Zuschauer? Den mit der falschen Prognose. Der wird viel stärker wahrgenommen.

MM: Welches Klima, welches Wetter darf’s denn sein?

Plöger: Ich brauche keine 30 oder 35 Grad. 25 sind völlig ausreichend. Ideal ist Schönwetter mit kleinen Cumuluswolken. Die zeigen mir beim Gleitschirmfliegen an, wo die Thermik ist. Das zweite Wetter: das herausfordernde, wenn etwas passiert. Hagel- oder Graupelschauer, Temperaturschwankungen, Windböen – das macht Vorhersagen spannend.

Zur Person

Sven Plöger, 1967 in Bonn geboren, gehört zu den bekanntesten Diplom-Meteorologen Deutschlands. Dafür sorgen unter anderem seine Wetterberichte in der ARD-Sendung „Das Wetter vor Acht” und im Anschluss an die Tagesthemen, aber auch zahlreiche Auftritte in Wissenschafts- und Diskussionssendungen und Vorträge über Klima und Wetter. Außerdem ist er Autor beziehungsweise Co-Autor von vier Büchern zum Thema. Plöger, 2010 als „Bester Wettermoderator Deutschlands” ausgezeichnet, setzt sich beim Thema Klimawandel stets für eine Versachlichung der Diskussion ein. Plöger ist verheiratet. Zu seinen Hobbys gehören die Fliegerei (Gleitschirm, Segelflug, Ultraleichtflug) und das Tauchen.

(aus MM 11/2018)