Wenn an der entschleunigten Playa de Palma im Herbst die Seelen baumeln

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Diese Reisegruppe aus Hameln fand es gar nicht so schlimm, dass der Bär nicht allzu laut steppte.

Diese Reisegruppe aus Hameln fand es gar nicht so schlimm, dass der Bär nicht allzu laut steppte.

Diese Reisegruppe aus Hameln fand es gar nicht so schlimm, dass der Bär nicht allzu laut steppte.Das Hotel The Hype in Can Pastilla.Das Wasser ist weiter warm, die Sonne weiter relativ stark und der Sand weiter heiß.

Wenn Monika Nareyka von ihrem doppelstöckigen, fast völlig verglasten High-End-Apartment im Hotel „The Hype Beachhouse” auf das Meer blickt, heitert sie das milde Herbstlicht sichtlich auf. Das trage dazu bei, dass man „entschleunigt”, sagt die Berliner Eventveranstalterin, die schon zwei Wochen an der Playa de Palma weilt und gerade noch eine weitere dran gehängt hat.

So wie sie denken viele Deutsche, und so verwundert es nicht, dass der Strand anders als früher noch immer weitgehend voll ist und die Tische der Restaurants gut besetzt. Hier in Can Pastilla wurde in den vergangenen Wintern viel renoviert, die Herberge des deutschen Hoteliers Frank Bechstein fügt sich nahtlos in ein deutlich upgegradetes Ambiente ein.

Ein Ambiente, das die Urlauber nach Überzeugung von Monika Nareyka immer stärker nachfragen. „Man denkt jetzt anders nach als früher”, sagt sie vor dem rechteckigen Designpool, der mit dem Meer verschwimmt. „Zunehmend werden Ruhe und Vielfältigkeit geschätzt.” Anders als im Hochsommer könne man jetzt auf der Insel wandern, Radfahren und noch immer Wassersport treiben.

Es ist wohl so, dass die pandemiebedingt monatelange Erschwerung des Reisens durch Politiker und der dann besonders starke Drang, einfach wegzukommen, jetzt wirken. Die Gelegenheit, das oft graue Deutschland zeitweise hinter ich zu lassen, ist günstig: Sowohl daheim als auch auf der Insel ist die Corona-Inzidenz rückläufig, die Restriktionen wurden gelockert. Hinzu kommt eine ohnehin schon in den vergangenen Jahren zu beobachtende Änderung des Reiseverhaltens. Früher flog man nach Monaten eines schockgefrosteten Daseins nach Mallorca, um nichts anderes zu tun, als sich in die Sonne zu legen. Man war zufrieden mit unansehnlichen Hotel-Betonburgen. In Riesenspeisesälen wurde man oft mit geschmacksarmer Büfettkost abgespeist, wer Pech hatte, fand keine freie Liege am Pool. Und irgendwann ging es dann im Bus wieder zum Flughafen.

Heute läuft dies zwar in Teilen noch ähnlich ab, doch die Menschen sind erheblich anspruchsvoller geworden. Immer mehr Touristen verlangen für ihr hart erarbeitetes Geld Qualität in vielerlei Hinsicht: Individualität, gutes Essen, einen guten Service, eine auch jenseits des Strandes betörende Umgebung und Zeit, um auf gehobenem Niveau auszuspannen.

So wie das Monika Nareyka tut, die auch das kulturelle Angebot im nahen Palma schätzt. „Die Nit del’Art war sehr spannend”, sagt sie.

Auch andere Gästesegmente schätzen inzwischen die neue ruhigere Lässigkeit an der Playa. Marc und Björn aus der Rattenfängerstadt Hameln, die mit anderen Kumpels sechs Nächte im Ein-Sterne-Hotel Alce unterkamen, sagen: „Auch das ist angenehm.” Vor Corona sei man in den momentan geschlossenen Mega-Park gegangen, jetzt habe man sich halt angepasst. „Es ist nicht so wie früher”, äußern sie und blicken am Rand des Pools auf eine am Eingang flatternde deutsche Fahne. Durch und durch unzufrieden scheinen sie mit der neuen, entschleunigten Situation nicht zu sein.

Das von Bernd Hartmann geleitete, einfache Alce befindet sich in der Zone, wo vor der Pandemie zeitweise die Betrunkenen Nacht für Nacht dutzendfach grölten und auf dem Bürgersteig schliefen, wenn ihnen danach war. Das ist nunmehr vorbei. Ungewöhnlich ruhig geht es sogar auf der Schinkenstraße zu. Alle sitzen brav an Tischen, nur einige wenige wagen auf der Promenade die altbekannten Gassenhauer anzustimmen. Die Bierstraße sieht mit nett angerichteten, fast stylischen Blumenkübeln aus, als wolle irgendjemand mit ihr für hippe Gartenkultur werben. Und vor dem wieder neu angefahrenen Lokal „Grillmüller” ergeht man sich bei Currywurst mit Brot momentan in fast gepflegter Konversation.

„Es ist nicht so wie früher”, sagt auch Alce-Betreiber Hartmann. Er ist jedoch unzufrieden: „Wir liegen bei nur 40 Prozent von vor der Pandemie.” Planen könne man nicht, wer wisse schon, ob nicht noch eine Corona-Welle komme. Hartmann will sein Hotel angesichts des anhaltenden Zustroms aus Deutschland bis Ende Oktober auflassen, dann im November Renovierungsarbeiten durchführen und an Weihnachten wieder zugänglich sein. Sichtlich trauert er den wilden Partyzeiten vor der Pandemie nach.

Mallorca-Jüngerin Monika Nareyka sieht den Trend zur entspannteren Playa als geradezu definitiv an. „Das Niveau wird immer höher, die Angebote größer.” Vor dem „The Hype” neigt sich die September-Sonne langsam dem Horizont entgegen. Die Zeit des Massentourismus sei wohl vorbei. Der richtige Ballermann werde schlussendlich nach Bulgarien gelangen.

Oder doch nicht? Ist dieser volle Spätsommer mit Corona-Regeln und weiter geschlossenen Nachtlokalen nur eine Ausnahmeepisode, bis nach einer ohne Pandemie zu erwartenden generellen Öffnung nächstes Jahr der Trubel von früher wieder losgeht? Vielleicht. Oder auch nicht. Denn die Urlauber ändern sich halt auch unabhängig von Corona.

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