Ohne Musik könne er nicht leben, sagt Dimitri Ashkenazy.

Dimitri Ashkenazy kommt gern nach Mallorca. Als passionierter Radfahrer hat sich der Klarinettist bereits ein Fahrrad gemietet. Als Musiker freut er sich auf Son Bauló in Lloret de Vistalegre, wo er mit der Pianistin Guzal Enikeeva am Samstag, 14. November um 19 Uhr ein Konzert gibt. Das erste Mal trat das Duo dort vor sechs Jahren auf.

Über Son Baulo sagt Ashkenazy: "Es ist zwar keine prestigeträchtige Bühne, aber ein Ort, den ich liebe, und ein Publikum, das ich schätze." Das ist umso bemerkenswerter, als dass ihn seine weltweite Konzerttätigkeit sonst eher in Häuser vom Rang einer Oper in Sidney, einer Suntory Hall in Tokio oder einer Royal Festival Hall in London führt.

Nach Mallorca werden Ashkenazy und Enikeeva ein romantisches Repertoire mitbringen. Auf dem Programm stehen die Fantasiestücke für Klarinette und Klavier von Robert Schumann und Nils Gade sowie zwei Sonaten für Klarinette und Klavier von Johannes Brahms und Camillo Schumann.

Letzteres ist ein spätromantisches Werk, das erst kürzlich in Leipzig erschienen ist, obwohl der Komponist - übrigens nicht verwandt mit seinem berühmten Namensvetter - bereits 1942 verstarb. "Sein Werk ist schön anzuhören, aber trotzdem weitgehend unbekannt", sagt Ashkenazy. So unbekannt, dass eine Schweizer Veranstalterin aus dem "C. Schumann", den der Klarinettist als Programmpunkt angegeben hatte, eine "Clara Schumann" machte. "Das war auch naheliegender", meint er nachsichtig.

Warum verschwindet ein Werk in der Versenkung, obwohl es sich doch gut anhört? "Genau deswegen", antwortet Ashkenazy. Camillo Schumann schrieb spätromantische Musik, als Komponisten wie Schönberg und Debussy längst die Moderne eingeläutet hatten. Die Folge: Wer dem Alten verhaftet bliebe, drohe unterzugehen.

Mit Ashkenazy kommt ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Musiker nach Mallorca. Wie viele andere Menschen auch, begann er im Alter von sechs Jahren Klavier zu spielen, wechselte vier Jahre später zur Klarinette. Den Wechsel begründet er auch damit, dass zu Hause ohnehin schon alle Klavier spielten. Alle, das sind sein Bruder, der Pianist Vovka Ashkenazy, seine Mutter, die isländische Pianistin Thorunn Johannsdottir, und sein Vater, der weltberühmte Pianist und Dirigent Vladimir Ashkenazy.

Bei so einer Familie würde es nicht wundern, wenn der berufliche Weg unweigerlich vorgezeichnet ist. Doch Dimitri Ashkenazy entschied sich erst mit 17 Jahren, Musiker zu werden. Sein Rat an alle, die mit demselben Gedanken spielen: "Man sollte diesen Beruf nur ergreifen, wenn man merkt, dass man nicht ohne die Musik sein kann. Denn es ist schwer, sein Leben damit zu verdienen, da muss man sehr idealistisch sein."

Für diese Empfehlung hat er gute Gründe. Es gebe extrem viele ambitionierte Musiker mit der hohen Erwartung, als Konzertsolist Karriere zu machen. Doch 80 oder 90 Prozent endeten als Orchestermusiker oder Musiklehrer, was zu Frustration führe.

Dass er selbst nie falsche Hoffnungen hegte, dafür sorgten auch seine Eltern: Sie hätten sich in erster Linie nicht als gute Musiker, sondern als gute Eltern verhalten und nur dort geholfen, wo es nötig und sinnvoll gewesen sei, erzählt er. Aus gutem Grund: "Sie wollten, dass wir ganz genau wissen, dass eine Karriere wie die meines Vaters überhaupt nicht die Norm ist", erzählt Ashkenazy. Selbst dessen Erfolg sei nicht vom Himmel gefallen: "Seine Arbeitsethik sucht ihresgleichen. Er hat immer wie ein Tier gearbeitet und 100 Prozent Einsatz gegeben."

Dieses Beispiel vor Augen, ist Dimitri Ashkenazy mit Erfolg seinen eigenen Weg gegangen. Dass er dennoch immer wieder auf seinen berühmten Papa Vladimir angesprochen wird, nervt mitunter nicht wenig. Vor allem, wenn direkt nach einem Konzert ein Besucher zu allererst sagt, dass er vor 40 Jahren seinen Vater auf der Bühne gesehen hat. "Das kann sehr verletzen, weil man ja gerade alles gegeben hat."

Auch deshalb hat Ashkenazy schon sehr früh versucht, klare Grenzen zu ziehen - bis zu dem Punkt, sich eine Geheimnummer geben zu lassen. Denn immer wieder hatten Agenten und Musiker versucht, über ihn an seinen Vater heranzukommen.

Immerhin geht auch der erste Kontakt zu Guzal Enikeeva auf seinen Vater zurück. Er war zustande gekommen, nachdem sie bei einem Konzert in Taschkent für Vladimir Ashkenazy die Noten umgeblättert hatte.

INFOS ZUM KONZERT
Dimitri Ashkenazy (Klarinette), Guzal Enikeeva (Klavier): Werke von Robert Schumann, Nils Gade, Johannes Brahms und Camillo Schumann;
Samstag, 14. November, 19 Uhr
Eintritt: 18 Euro
Reservierungen: 971-524206
 Son Bauló, Camí de Son Bauló 1, Lloret de Vistalegre.