Warum es so schwer ist, Trinkgelage zu kontrollieren

| Mallorca |
Nächtliches Massentreffen von spanischen Jugendlichen am Paseo Marítimo. Die Aufnahme entstand am 11. Juli.

Nächtliches Massentreffen von spanischen Jugendlichen am Paseo Marítimo. Die Aufnahme entstand am 11. Juli.

Foto: Click / Ultima Hora

Die nächtlichen Zusammenkünfte vor allem junger Menschen auf Mallorca, die sogenannten "Botellones", (was übersetzt in etwa große Flasche bedeutet), sind eine typische Erscheinung des spanischen Lebensgefühls: Ein günstiges Klima, eine Kultur und Lebensweise, die zum geselligen Beisammensein auf der Straße einlädt, die geringe Kaufkraft der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie ein Mangel an polizeilichen Mitteln zur Durchsetzung der Restriktionen sind die Gründe, warum in vielen spanischen Städten an den Wochenende Botellones stattfinden.

Früher rückten diese Massntreffen wegen des übermäßigen Alkoholkonsums ins Visier der Behörden, jetzt wegen des Coronavirus, das die Versammlungen zu Hotspots für Ansteckungen macht, berichtet die spanische MM-Schwesterzeitung Ultima Hora online.

Soziologen betrachten den "Botellón" als ein gesellschaftliches Phänomen, das mit der Jugendkultur in Verbindung steht und in Spanien in den frühen 1990er Jahren als Raum für Geselligkeit in der Freizeit entstand. Diese Art der Zusammenkünfte habe sich aufgrund des milden Klimas und der Freizügigkeit in Spanien in Sachen Alkohol durchgesetzt. Hinzu komme die Eigenart, dass die spanische Jugend sich geselliger und offener gebe als dies etwa in Mittel- oder Nordeuropa der Fall sei.

Die spanischen Botellones sind wegen ihrer Ausgelassenheit und Lebensfreude mitunter auch attraktiv für junge Urlauber von auswärts, die das Konzept der Zusammenkünfte kopieren. Mallorca-Beobachter wissen, dass etwa an der Playa de Palma oder in Magaluf ebenfalls nächtliche Trinkgelage nicht nur in den einschlägigen Lokalen, sondern auch auf Promenaden oder am Strand unter freiem Himmel abgehalten werden.

Ein weiterer Grund für die Botellónes sind die begrenzten finanziellen Mittel der Jugendlichen. Sie sehen sich gezwungen, Orte abseits des gastronomischen Angebots aufzusuchen, weil sie die dortigen Getränkepreise kaum bezahlen können.

Aus diesem Grund werden von den Teilnehmern häufig Getränke mitgebracht, die sie zuvor im Supermarkt erworben haben. Neben harten Spirituosen werden Softgetränke zum Mixen mitgeführt, ebenso Plastikbecher und Eiswürfel in Tüten. Oft lassen die Teilnehmer auch Wein und Bier in großen Flaschen kreisen, daher der Name der Treffen.

Die Botellones sind Soziologen zufolge ein gemeinsamer, nächtlicher Raum, der die kollektive Vitalität der jungen Leute zum Vorschein bringe und unter den Gleichaltrigen das Wir-Gefühl stärke, das für diese besonders wichtig sei. So bieten Treffen die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und neue Leute kennenzulernen. Die Sorgen des Alltags sind für eine Zeit lang vergessen.

Die Behörden tun sich mit den Trinkgelagen seit Jahren schwer. Kommen Hunderte oder gar Tausende von Menschen wie vor wenigen Wochen an der Playa zusammen, ist es für die relative geringe Anzahl von Polizisten dann keine leichte Aufgabe, ohne Anwendung von Gewalt die notwendigen Ordnungsmaßnahmen durchzusetzen.

Kommentar

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Karl / Vor 3 Monaten

Ich kenne das auch schon viele Jahre. Eigentlich ist das nichts anderes als das Vorglühen in Deutschland. Da viele Spanier noch bis mindestens 30 bei ihren Eltern leben, muss man das Vorglühen eben auf die Strasse verlegen.

Das Klima begünstigt das, ist aber wohl nicht der Hauptgrund, da das alles auch in den kühleren und vor allem regenreichen Regionen in Nordspanien pasiert.

Adriano / Vor 3 Monaten

50 % der Jugendlichen ist arbeitslos also saufen sie die Nacht durch !!! Muss ja morgens keiner aufstehen und arbeiten !!!

M / Vor 3 Monaten

"in den frühen 1990er Jahren" (...) "Behörden tun sich mit den Trinkgelagen seit Jahren schwer."

Anders formuliert: man hat einfach 30 Jahre lang NICHTS getan.

b...elvi / Vor 3 Monaten

Dann ist das eben die Kultur der jungen Menschen in Spanien........ Hoffen wir, dass sich alle impfen lassen, dann sind sie nicht mehr die Schuldigen, die die Pandemie fördern.