Einst schmückte die Atlas-Figur den Eingang zu einer künstlichen Grotte. | Jonas Martiny

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Mit seltsam verklärtem Blick schaut die Figur, die rücklings auf dem Waldboden liegt, den Wolken über Mallorca beim Vorüberziehen zu. In den über dem Kopf ausgestreckten Armen hält sie eine Kugel. Es handelt sich um Atlas, den Titan aus der griechischen Mythologie, der dazu verdammt war, das Firmament auf seinen Schultern zu tragen. Seit 18 Jahren liegt die steinerne Figur nun schon dort im Wald bei Valldemossa, voll und ganz dem allmählichen Verfall ausgeliefert. Der charakteristische Kragen, den der Titan trägt, legt den Schluss nahe, dass es sich tatsächlich um eine Darstellung aus der Zeit der Renaissance handeln könnte, vermutet der Kunsthistoriker Jaume Llabrés.

Im Jahr 2002 löste sich nach einem Unwetter ein enormer Felsblock und stürzte den Berghang hinunter. Er landete genau auf der kleinen, künstlichen Grotte, die dort vermutlich im 16. Jahrhundert um die Quelle Font de Son Verí herum gebaut worden war. Der Atlas schmückte den Eingang zu dem Bauwerk, bei dem es sich laut Llabrés um das älteste seiner Art auf der Insel handelte. Als der Erzherzog Ludwig Salvator im 19. Jahrhundert die Gegend rund um Valldemossa erkundete, stieß auch er auf das kuriose Gebäude und hielt fest: „Die Gruta von Son Verí hat vorn zwei Rundbogen mit einem Capital, welches das Datum 1591 trägt, und einen Giebel, von einer männlichen Büste mit einer Kugel auf dem Kopf überragt.“ Im Inneren sei vor allem eine „breite Tischplatte mit Delphinen als Fußstützen“ bemerkenswert.

Heute ist nur noch eine Ruine davon übrig. Überall liegen Steine verstreut, in der Ecke tröpfelt die Quelle vor sich hin. Die Grotte muss früher einmal ein beliebter Treffpunkt gewesen sein, an den Wänden kann man noch alte Inschriften entdecken, ganz so, als hätten sich hier die Liebespärchen verewigt, die diesen Ort für heimliche Treffen nutzten. Auch heute noch ist die Quelle am Fuße der Moleta de Pastoritx ein gefragtes Ausflugsziel. In etwa einer Stunde kann man von Valldemossa aus dorthin Wandern.

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Wer nicht im Ort starten will, kann auch von Palma über die Ma-1110 kommend in der letzten scharfen Linkskurve vor Valldemossa den Abzweig nach rechts nehmen und dort nach wenigen Metern sein Auto an dem alten Waschhaus abstellen. Von hier führt die asphaltierte Straße ein Stück weit kräftig ansteigend den Berg hinauf. Nach einer scharfen Rechtskurve gelangt man sogleich zum Landgut Sa Coma. Hier blöken die Schafe und Truthähne stolzieren im Schatten einer imposanten Aleppo-Kiefer herum – es ist die höchste ihrer Art auf Mallorca, weshalb das balearische Umweltministerium sie im Jahr 2016 in den Katalog der geschützten Bäume aufgenommen und eine Plakette angebracht hat. 17 Meter hoch ist die Kiefer von Sa Coma, der Stamm hat einen Umfang von vier Metern.

Ziemlich flach geht es nun ein Stück weiter, bis sich rechts plötzlich eine Aussicht auf Valldemossa bietet, wie man sie von kaum einem anderen Ort aus hat. Jeder, der einmal in dem Bergdorf gewesen ist, wird das Panorama kennen, das vom ehemaligen Kartäuser-Kloster dominiert wird – und wissen, dass man an der Landstraße, die hinunter nach Palma führt, kaum irgendwo halten kann, um ein Erinnerungsfoto zu schießen. Hier an dieser Stelle dagegen geht das problemlos.

Nach weiteren 20 Minuten Fußmarsch gelangt man an das Eingangstor zum historischen Landgut Son Verí, „Predio Son Verí“ ist auf einem Felsblock zu lesen. Hier muss man nun die Straße linkerhand durch ein Tor im Zaun verlassen. Der letzte Teil der Wanderung führt den Berg hinauf. Es geht zunächst über einen Schotterweg, ein paar Stufen hinauf und anschließend dann durch immer dichteren Eichenwald. Dies ist der anstrengendste Teil, auch, weil man darauf achten muss, den ausgetretenen Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Dann aber ist auch schon so weit: Zwischen dem dürren Herbstlaub lugt der Atlas hervor.