Der Weiße Gänsefuß ist mit der Quinoa verwandt.

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Auf dem Weg zum Ausflugsziel, zum Geschäftstermin, ins Büro oder zur Schule, um die Kinder abzusetzen, ist es im Moment überall dasselbe Bild: Wer sich in der urbanen Hektik der Großstadt kurz Zeit nimmt, sich umzuschauen, der entdeckt Erstaunliches. Aus jedem Riss im Beton, aus jedem Fleckchen Muttererde entlang der Gehwege und Straßen von Palma bricht der Frühling das städtische Grau auf und sprenkelt es mit bunter Blütenpracht. Am spannendsten an diesen Pflanzen, die selten genug überhaupt Beachtung finden, ist, dass etwa 80 Prozent davon essbar sind. Auf einem Spaziergang durch den wilden Teil des Stadtparks Sa Riera in Palma entdeckt die Pflanzenexpertin Uta Gritschke auf vier Quadratmetern wilder Wiese mehr Bekömmliches als in so mancher Gemüseabteilung im Supermarkt.

„Schau mal, das hier ist Mangold, den gibt es in der Form auch genau so zu kaufen. Gebraten oder gekocht, mit Knoblauch und Olivenöl, ein Traum.” Das Unkraut, das keines ist, steht so dicht gedrängt, dass Gritschke in die Hocke gehen muss, um zu zeigen, welche Pflanzen sie meint. „Das hier ist Spitzwegerich. Daraus lässt sich mit Honig ein toller Hustensaft herstellen.”

Direkt daneben erblickt die Expertin eine Milchfleckdistel. Gut erkennbar an ihren stacheligen Blättern und der violetten Blüte „Die ist auch essbar. Allerdings muss man erst die Stacheln unschädlich machen, um an den saftigen Stil zu gelangen, der sich dafür aber hervorragend in einem Salat macht.” Disteln haben vor allem viele Bitterstoffe, die gut für unseren Organismus seien. Ist aber kalorientechnisch eher ein Minusgeschäft, denn die Zubereitung benötige mehr Energie, als man am Ende aus der Pflanze erhalte, erklärt sie weiter und zeigt direkt auf das nächste Gewächs mit roten Blättern und kleinen Samenkapseln. „Das ist weißer Gänsefuß. Er gehört zu der Familie der Quinoa-Pflanzen. Die Blätter und die Samen sind lecker und stehen den Samen, die man aus dem Handel kennt, in nichts nach.”

Den Satz kaum beendet, wird Gritschke von einem kleinen Fellknäuel angesprungen und wedelnden Schwanzes begrüßt. Sie streichelt den jungen Hund und erklärt: „Das ist einer der Gründe, warum es natürlich besser ist, irgendwo außerhalb der Stadt essbare Pflanzen zu suchen. Hundepipi ist nicht sehr bekömmlich.” Die Pflanzen, die in einer Großstadt wie Palma wachsen, seien zudem noch ganz anderen Umweltbelastungen ausgesetzt, was ebenfalls dafür spreche, die wilden Leckereien auf dem Land zu pflücken. Ganz wichtig sei außerdem, dass man, ähnlich wie beim Suchen von Pilzen, nur das mitnehme und probiere, was man 100-prozentig identifizieren könne.

„Die weißen Blüten hier gehören zu der Wasabi-Rauke.” Gritschke knappst drei bis vier der kleinen Kelche mit den Fingern ab und steckt sie sich in den Mund. Fast augenblicklich verzieht sie das Gesicht zu einem Lächeln, das jeder kennt, der beim Sushi essen schon zu viel Wasabi-Paste auf der Fisch-Reis-Rolle hatte. „Puh, ganz schön scharf!” Nicht weit entfernt vom Wasabi am Stiel entdeckt sie die nächste scharfe Pflanze. „Das hier ist Ackersenf, wunderbar zu erkennen an den gelben Blüten, und auch sehr lecker, zum Beispiel als Pesto.”

Eine Pflanze, die, einmal identifiziert, wirklich überall auffällt, ist die Gänsedistel. Sie wächst im unbenutzten Blumenkasten, auf dem innerstädtischen Kreisverkehr und manchmal sogar direkt aus den Rissen im Beton. „Diese Distel ist sozusagen die Mutter aller milden Kopfsalate.”, erklärt die Expertin.

Inzwischen hat Gritschke auch einige Beispiele für nützliche, aber nicht unbedingt essbare Pflanzen entdeckt. „Das hier ist Sauerklee. Der ist grundsätzlich genießbar, enthält aber viel Oxalsäure, die Kalzium im Körper bindet und so Nierensteine verursachen kann.” Auch der dreißig Zentimeter entfernt stehende Wunderbaum sei zwar giftig, aber deshalb noch lange kein Unkraut. „Aus den Früchten wird Rizinusöl hergestellt. Das wirkt verdauungsfördernd und entzündungshemmend.”

Es ist erstaunlich, wie viele Pflanzen Uta Gritschke in einem gewöhnlichen Stadtpark als nützlich und essbar identifizieren kann. Ihr Wissen hat sie sich über die Jahre in vielen Spaziergängen in der Natur und mithilfe unzähliger Bücher angeeignet. Für Interessierte bietet sie nicht nur Kräuterwanderungen an, sondern besucht ihre Kunden auch regelmäßig auf der eigenen Finca und hilft dabei zu bestimmen, was auf deren Grund und Boden so alles an nützlichem Unkraut wächst.