Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist wohl die stärkste, die es zwischen Menschen geben kann. In großem Maße beeinflusst diese die frühe Entwicklung und ebenso unser späteres Bindungsverhalten. | tco

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Der folgende Text ist der MM-Kolumne "Unter vier Augen" von Talia Christa Oberbacher entnommen. Die Autorin ist Hypnose-Therapeutin und Coach in der Palma Clinic auf Mallorca.

Gestern war der Geburtstag meiner lieben Mutter. Gestern wäre sie 99 Jahre alt geworden. Leider ist sie schon vor mehr als 20 Jahren gestorben, nach einem langen kummervollen Leben. Der Erste Weltkrieg endete zwar vor ihrer Geburt, aber mit den Auswirkungen auf Erziehung und Gesellschaft hatte sie, wie alle ihrer Zeit, zu kämpfen. Sie wuchs auf in einem strengen Elternhaus als Jüngste von drei Mädchen, was zu der damaligen Zeit wohl eine besondere Herausforderung war. Sie wurde von ihren Schwestern drangsaliert und denunziert und musste von Anfang an um ihr Glück kämpfen.

Natürlich wurde sie in hauswirtschaftlichen Tätigkeiten geschult, denn es war vorgesehen, dass sie bald heiraten und einen eigenen Hausstand führen sollte. Meinen Vater lernte sie im Krieg, mit Anfang 20 kennen, und in nur einer gemeinsamen Nacht, in der mein Vater auf einem kurzen Fronturlaub im Ruhrgebiet war, wurde mein ältester Bruder gezeugt. Meine Mutter sagte später einmal, dass sie sich immer einen großen, blonden Mann gewünscht hatte, mit blauen Augen. Nun, mein Vater war eher etwas klein geraten, hatte pechschwarze Haare und sah mehr aus, als käme er aus dem Süden. Sie heirateten trotzdem, und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Irgendwann war der Krieg zu Ende und ein zweiter Sohn kam auf die Welt. Der Krieg und die Gefangenschaft in Russland hatten meinen Vater schwer gezeichnet. Die Familie litt unter seinen Eskapaden, und er schaffte es im Grunde nicht mehr, in ein normales Leben zurückzufinden. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, was meine Eltern wirklich verband, ob es Liebe war, oder wirtschaftliche Überlegungen. Viel später kam dann mein jüngster Bruder auf die Welt und noch viel später ich. Mit dem Glück der späten Geburt habe ich nur noch eine vage Ahnung davon, wie meine Familie und die ganze Welt unter dem Krieg und seinen Folgen gelitten haben, welche Auswirkungen traumatischen Ausmaßes die Erlebnisse meines Vaters, auf meine Mutter und meine Brüder und auf deren Leben hatten. Das alles werde ich ein anderes Mal beleuchten, denn auch, wenn es so scheint, sind an mir all diese Dinge ebenfalls nicht spurlos vorbeigegangen.

Heute möchte ich eine Lanze brechen für die Mütter dieser Welt. Frauen, die ihr Bestes geben, die ihren Körper zur Verfügung stellen, damit ein neuer Mensch in ihm wachsen und gedeihen kann. Frauen, die oft bis an den Rand der Verzweiflung versuchen, alles zu tun, damit es ihren Kindern gut geht. Sei es, dass sie eigene berufliche Pläne und Träume zurückstellen, um sich ganz dem Muttersein zu widmen, und dafür angegriffen werden, wenn sie „nur“ Hausfrau und Mutter sind, und ansonsten keiner „sinnvollen“ und vor allem geldbringenden Tätigkeit nachgehen. Sei es, dass sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften versuchen, ihren Job, vielleicht sogar eine Karriere und das Muttersein unter einen Hut zu bringen. Dann sind sie natürlich Rabenmütter, die ihre eigenen Interessen über das Wohl der Kinder stellen. Nicht zu vergessen all die Mütter, die ihre Kinder alleine versorgen, deren Männer aus welchem Grund auch immer gegangen (worden) sind. Diese Frauen, die sich durchs Leben schlagen und kaum noch eine Chance haben, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen.

So eine Frau war meine Mutter. Als sie die Führung der Familie in allen Belangen übernahm, war ich ein Jahr alt, mein jüngster Bruder war zwölf. Mein Vater hatte die Spätfolgen des Krieges und seiner Auswirkungen nicht überlebt. Meine Mutter tat alles, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie arbeitete hart und viel, um uns wenigstens solche Dinge wie Teilnahme am Schulausflug oder ein kleines Taschengeld zu ermöglichen. So etwas Luxuriöses wie Urlaub gab es in meiner Kindheit quasi nicht. Es gibt Bilder, auf denen wir in die Kamera lächeln und offenbar am Wolfgangsee in Österreich sind. Da war ich noch sehr klein. Und ich erinnere mich, dass wir einmal im Oberbergischen waren, das ungefähr 90 Minuten von meiner Heimatstadt entfernt ist.

Das war ein wunderbarer Urlaub auf dem Land für mich. Ich konnte echte Kühe sehen und sogar anfassen und frisch gemolkene, noch warme Milch trinken. Mehr Urlaub gab es nicht. Meine Mutter träumte nie davon, mal ans Meer zu fahren, in den Süden. Sie erzählte auch nicht, dass sie sich manchmal ausmalte, wie es gewesen wäre, sie hätte etwas „Richtiges“ gelernt, nicht so früh geheiratet und Kinder bekommen. Meine Mutter lebte ihr Leben, und zwar so, als hätte sie kein anderes. Sie akzeptierte Probleme nicht, sondern sie löste sie. Sie lehnte sich auf, wenn es um die Belange ihrer Kinder ging, setzte sich durch, wenn sie der Meinung war, dass etwas nicht stimmte, nicht gerecht war. Dabei waren Humor und Offenheit ihre größten Stärken.

Sie sagte oft, dass sie aus ihrer eigenen Kindheit und Jugendzeit gelernt habe und, dass sie für ihre Kinder etwas anderes wolle. Diese ewige Besorgnis ihrer Eltern und das sich vor ihnen Rechtfertigen müssen, hatten ihren tiefen Wunsch geweckt, eine andere Haltung zum Leben weiterzugeben. Und wir Kinder, vor allem ich, profitierten davon. Sie ließ mir Freiheiten, stärkte mein Selbstbewusstsein, mein Vertrauen in mich. Sie lobte mich, wann immer ich in ihren Augen etwas geschafft hatte, und das konnte auch mal nur eine Kleinigkeit sein. Sie sagte mir, wie stolz sie auf mich sei, und ich glaubte ihr. Durch sie entwickelte ich meinen unerschütterlichen Optimismus und die Fähigkeit, wie ein Stehaufmännchen immer wieder hochzukommen und weiterzumachen. Sie war eine wirklich tolle Frau, und ich bedauere heute sehr, dass ich ihr das nicht viel öfter gesagt habe. Mit ihr und meinem jüngsten Bruder war ich übrigens seinerzeit zum ersten Mal auf Mallorca.

Da war ich 16 Jahre alt, und sie war unverhofft zu ein bisschen Geld gekommen. Es war natürlich eine Sensation, nicht nur für sie, das erste Mal zu fliegen und am Mittelmeer zu sein. Ich werde nie vergessen, wie sehr sie vom ersten Moment an diese Insel und ihre Menschen ins Herz schloss. Und als sie eines Abends nach einer Flamenco-Show in Palma so lange applaudierte, bis der alte Gitarrist zu uns an den Tisch kam, um meine Mutter zu begrüßen und sich zu bedanken, und sie ihm strahlend ein herzhaftes „Eviva Expander“ zurief, war klar, dass es keinen besseren Ausdruck für ihre unbändige Begeisterung geben konnte. Ich habe diese Anekdote oft und gerne erzählt und möchte auch heute damit schließen. Ich bin sicher, dass sie es großartig findet, was ich hier tue, und dass ich das Privileg habe, hier zu leben und die in dem fast gleichnamigen Titel (Eviva España) beschriebene, wirklich fast immer scheinende Sonne zu genießen.

Talia Christa Oberbacher ist Hypnose-Therapeutin und Coach in der Palma Clinic.