Nicolas Kiefer: "Golf hat mich echt gepackt".

0

Mallorca Magazin: Herr Kiefer, wenn Sie als Ex-Tennisprofi Unterricht auf Mallorca geben, ist das eher Urlaub oder Arbeit?

Nicolas Kiefer: Für Robinson war ich schon in mehreren Klubs, hier auf Mallorca bin ich das erste Mal. Das macht immer Spaß, man kann das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das ist immer eine große Herausforderung weil man ja nie weiß, wie gut die Teilnehmer sind. Aber ich habe auch Terminstress: Jetzt mit Ihnen, später Golf und dann noch mit der Familie etwas unternehmen.

MM: 2001 haben wir Sie auf Mallorca in Aktion gesehen, bei den Mallorca Open...

Kiefer: Genau, ich habe vor unserem Gespräch noch überlegt, wann das war. Das war wirklich ein Highlight, das werde ich nie vergessen. Normalerweise spielen wir in Tennisstadien und hier wussten wir gar nicht, wo wir spielen. Es war wirklich beeindruckend in der Stierkampf- arena, das war eine ganz besondere Atmosphäre. Ich kam damals bis ins Viertelfinale (gegen Carlos Moyá war dort Schluss, d. Red.).

MM: Damals spielte ein gewisser Rafael Nadal als 14-Jähriger mit. Hat man damals schon erkennen können, dass daraus ein Großer wird?

Kiefer: Zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber ich kann mich an Montecarlo erinnern, da war er 15 oder 16. Damals sagte man, das wird mal einer. Dass es dann so einer wird, war für Mallorca sicher etwas Besonderes. Mir ist leider in den drei Matches kein Sieg gegen ihn gelungen.

MM: Was macht ihn denn so schwer bezwingbar?

Kiefer: Er ist ein Superathlet, topfit. Und sein großer Vorteil ist, dass er Linkshänder ist, das macht ihn schwerer auszurechnen. Er hat unheimlich powervolle Schläge, seine Leidenschaft und sein Kämpferherz. Das ist ja das, was man für diesen Sport mitbringen sollte. Ich mache ja ziemlich viel in Hannover für das Leistungszentrum "Tennisbase". Das bringen wir den jungen Spielern immer bei, dass sie das Feuer in den Augen haben und kämpfen müssen. Das sind ganz wichtige Voraussetzungen, wenn man in diesem Sport nach oben kommen will. Das bringt Rafael Nadal einfach mit. Er lebt das und steht deshalb verdient da oben.

MM: Im Fernsehen arbeiten Sie heute als Tennisexperte. Was hat sich denn seit Ihrer aktiven Zeit am meisten verändert?

Kiefer: Das Material, Schläger und die Saiten und vor allem die Athletik. Früher hat man im Training viel Tennis gespielt und ein bisschen Athletik gemacht. Das hat sich stark verschoben, die körperliche Fitness hat enorm zugenommen. Das sieht man auch an den Spielern.

MM: Der ehemalige Tennisrüpel John McEnroe hat kürzlich kritisiert, dass es zu wenig Typen im Tennis gibt. Sehen Sie das genauso?

Kiefer: Wenn Federer und Nadal aufhören, gibt es sicherlich einen ganz großen Knacks. Ich kann mir vorstellen, dass dann einige Sponsoren von der Tour abspringen. Klar, Djokovic und Murray sind auch super Typen, aber die beiden anderen haben das Tennis geprägt. Und wenn die in zwei, drei Jahren abtreten, bin ich gespannt, was passiert. Und bei den Damen gibt es einen ständigen Wechsel an der Spitze, man kennt die gar nicht mehr.

MM: Wie steht es denn um deutsche "Tennis-Typen"?

Kiefer: Wir haben einen Alexander Zverev. Der ist jung und für die Nachwuchsspieler jemand, an dem man sich orientiert. Wenn er weiter so spielt, ist er langfristig unter den ersten fünf. Er ist auch ein Typ, schmeißt auch mal den Schläger und haut einen raus. Seine Eltern sind aus Russland und er hat eine ganz besonders kämpferische Einstellung. Dieses Feuer fehlt bei den deutschen Talenten ein bisschen, das sehe ich ja an der "Tennisbase". Vielleicht haben die heute zu viel Ablenkung.

MM: Ist Fußball vielleicht attraktiver, um Profi zu werden?

Kiefer: Das ist ein Mannschaftssport, da ist man einer von vielen, da kann man mal reinrutschen mit einem guten Spiel und ist im Geschäft. Das reicht beim Tennis nicht, da musst du über einen langen Zeitraum gut spielen. Ich glaube, Fußball ist wesentlich einfacher, weil du in der Masse bist. Beim Tennis musst du einen Plan B haben, wenn du verletzt bist, weil du dann nicht spielen kannst.

MM: Sie selbst sind ja immer noch gut in Form. Wie halten Sie sich fit?

Kiefer: Ich bin immer noch im Training. 2015 und 2016 haben wir noch die Herren-30-Tennisbundesliga mit Grün-Weiß Ratingen gewonnen. Dann spiele ich noch viel Golf, habe dieses Jahr endlich mein Handicap von 10 geknackt.

MM: Was ist für Sie der Reiz am Golfsport?

Kiefer: Beim Tennis führe ich 40:0 und kann mir einen Fehler leisten, beim Golf wird jeder Fehler bestraft und dann kommt mein Ehrgeiz. Da erwische ich mich manchmal selbst, da fehlt mir Ruhe und Gelassenheit.

MM: War das auch ein Problem in Ihrer Karriere?

Kiefer: Da will man manchmal zu viel. Der Druck kommt aber auch von den Sponsoren und Medien. Mein Verlangen war immer, das Beste aus meinem Körper herauszuholen. Manchmal war es so, dass ich zu viel wollte, dann kamen Verletzungen. Aber meistens bin ich danach besser zurückgekommen. Eine Verletzung ist ja auch ein Signal des Körpers.

MM: Außerhalb des Sports sind Sie auch sehr engagiert, was machen Sie genau?

Kiefer: Ich mache viel für die Aktion Kindertraum, für sozial benachteiligte oder kranke Kinder. Wir versuchen, Kindern Träume zu ermöglichen und vor zwei Wochen gab es die sechste Nicolas-Kiefer-Charity zugunsten dieser Aktion. Wir sammelten für einen Jungen, der nach Dänemark wollte. Die Frage war nur, ob er das noch schafft, weil er schwer krank ist. Wir hoffen jetzt alle, dass es noch klappt. Dazu sammeln wir Geld auf einem Golfturnier. Das liegt mir sehr am Herzen. Oftmals beklagt man sich über etwas, aber wenn man das sieht, denkt man, dir geht es doch gar nicht so schlecht.

MM: Bedeutet es Ihnen etwas, zu den vier besten Spielern Deutschlands seit Einführung der Open-Turniere zu gehören?

Kiefer: Es war eine tolle Zeit und das sind eben die Fakten. Mein größter Erfolg war sicher die Silbermedaille bei Olympia.

MM: …aber auch die größte Niederlage, wie Sie schon mal einräumten…

Kiefer: Klar, man sagt, man gewinnt Gold und verliert Silber, aber es war mein größter Erfolg. Wir haben gute Teams geschlagen und aufgrund der Dramaturgie war es besonders. Es war auch eine schmerzhafte Niederlage, so ist der Sport. Ansonsten im Davis Cup oder bei Grand-Slam-Turnieren, da muss halt alles passen. Mein bestes Grand Slam waren die Australien Open mit dem Halbfinale, das ich gegen Roger Federer verloren habe. Klar war es mal ein Wunsch, einen Grand Slam zu gewinnen. Aber ich würde auch nicht sagen, dass es keine tolle Karriere war. Es hat vor allem unheimlich viel Spaß gemacht. Ich wollte 2012 eigentlich unbedingt nochmal nach London, dann hätte ich vier Olympische Spiele mitgemacht. Dann hatte ich 2010 eine Leistenoperation und das war die erste, von der ich nicht mehr stärker zurückgekommen bin.

MM: Wäre so ein Legends Turnier, wie es derzeit auf Mallorca stattfindet, interessant für Sie?

Kiefer: Auf jeden Fall. Nur darf der Altersunterschied nicht zu groß sein. Gegen Moyá oder Rios, die alten Weggefährten, das wäre eine echte Challenge.

MM: Könnten Sie sich vorstellen, wie Boris Becker einen Top-Ten-Spieler zu coachen?

Kiefer: In beratender Funktion vielleicht schon. Aber nicht zehn, zwölf Wochen im Jahr unterwegs sein. Das wäre nichts für mich. Wenn man das macht, muss man mit Herzblut dabei sein. Dann ist man wieder in dem Trott, wo man gar nicht mehr drin sein will. Komplett wieder dabei zu sein, das kann ich mir nicht vorstellen.

MM: Stichwort Boris Becker: Hat er Ihrer Karriere gut getan oder haben die ewigen Vergleiche auch genervt?

Kiefer: Er hat den Sport in Deutschland geprägt. Ohne Boris und Steffi Graf wäre Tennis nicht da gewesen, wo es war. Was er fürs deutsche Tennis gemacht hat, ist enorm und auch, dass er jetzt wieder aktiver wird im DTB, ist positiv für alle Beteiligten, auch für uns in Hannover. Also, ich hoffe es zumindest, dass er bei uns vorbeischauen wird. Ich war auch zwei Jahre bei ihm im Mercedes-Junior-Team, da habe ich auch viel von ihm gelernt.

MM: Würden Sie heute nochmal Tennisprofi werden?

Kiefer: Also wenn ich es mir aussuchen könnte: ich würde Golfprofi. Das ist Millimeterarbeit und das fasziniert mich. Golf hat mich echt gepackt. (zap)

Zur Person:

Nicolas Kiefer, geboren am 5. Juli 1977, gilt als einer der vier erfolgreichsten deutschen Tennisspieler seit der Einführung der Open-Turniere. Der Holzmindener beendete seine Karriere 2010 nach 15 Jahren. Er gewann auf der ATP World Tour sechs Turniere und stand weitere 13-mal in einem Endspiel.

Die Silbermedaille im Doppel mit Rainer Schüttler bei den Olympischen Spielen von Athen im Jahr 2004 sieht er selbst als seinen größten Erfolg. Kiefer ist verheiratet und hat eine Tochter. Er ist bekennender Fan des Fußball-Bundesligisten Hannover 96.

(aus MM 41/2017)