Ein architektonisches Kleinod war der Badeort Cala Millor sicher nie. Schon 1934 entstand hier die erste Touristenunterkunft, seitdem schossen zahlreiche Hotel- und Apartmentblocks grau in grau in den Himmel. Es waren vor allem der endlose Sandstrand und Urlauber in gelöster Ferienstimmung, die den schmucklosen Beton vergessen machten.

Doch nun muss man menschliches Leben fast mit der Lupe suchen, die Touristen sind noch nicht da, die meisten Hotels, Geschäfte und Bars weiterhin geschlossen. Es sind vor allem Residenten und Spanier, die es sich bei angenehmen Temperaturen und Meeresbrise auf der Terrasse des Café del Sol direkt an der Strandpromenade gemütlich gemacht haben, einem der wenigen Gastronomiebetriebe, die seit dem 11. Mai geöffnet haben.

"In der Hauptsaison sind wir normalerweise mit 33 Mitarbeitern hier. Zurzeit sind es nur sechs", erzählt Kellner David. Seit der Strand vor einigen Tagen geöffnet wurde, tröpfeln langsam mehr Gäste herein. "Doch viele Leute sind seit zwei Monaten ohne Job und haben kein Geld", ergänzt er. Wie so viele Gastronomiebetriebe auf der Insel wartet auch das Strandcafé darauf, dass die Öffnung des Flughafens endlich wieder Gäste an die Tische spült.

Noch deprimierender ist die Stimmung in der verwaisten Einkaufszone von Cala Millor. Mittlerweile sind zwar eine Handvoll Geschäfte geöffnet, meist Filialen von Bekleidungsketten wie Mango oder Esprit. Doch Kunden bleiben aus. So auch bei Cati, Verkäuferin im Schmuck- und Uhrengeschäft Semiramis. Außer Vitrinen zu putzen und die Auslage zu sortieren, bleibt ihr zurzeit nicht viel zu tun. "Es kommt niemand, wir warten auf die Urlauber", seufzt sie. Auch Alicia und Zhong, Betreiber eines typischen China-Shops für Touristen, klagen. "Es läuft sehr schlecht und ich glaube nicht, dass es dieses Jahr noch besser wird", sagt Alicia.

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Auch die Hotels wirken seltsam leblos. Obwohl ab Juli voraussichtlich wieder Touristen auf die Insel kommen dürfen, scheinen sich die meisten noch nicht auf eine baldige Öffnung vorzubereiten. Das Bikini Hotel in Strandnähe ist eine der wenigen Unterkünfte, aus denen Hämmern, Bohren und Farbgeruch dringt. Die Drei-Sterne-Herberge ist besonders bei Familien beliebt, doch nun verhindern weiß gestrichene Fenster neugierige Blicke in die menschenleeren Innenräume, wo Möbel beiseite geschoben und mit Planen abgedeckt wurden. "Wir nutzen die gästelose Zeit für die Renovierung. Eine Öffnung ist aber nur geplant, wenn sich die Buchungslage aus dem Ausland im Sommer deutlich ändern sollte", erklärt Handwerker Johnny. Spanische Touristen allein könnten nicht für ausreichende Einnahmen sorgen.

Nur am Meer und auf der Uferpromenade herrscht an diesem Tag mehr Leben. Alberto Cuadros ist für die Rettungsschwimmer in Cala Millor verantwortlich. Mit vier Kollegen macht er den knapp zwei Kilometer langen Sandstrand zurzeit coronafest. Eine Schatten spendende überdachte Zone für Risikopersonen ist in Arbeit, genauso wie ein weiterer Kontrollturm. "Außerdem richten wir getrennte Ein- und Ausgänge für den Strand ein, damit es nicht zu Menschenansammlungen kommt", erklärt Cuadros.

Ein großes Plakat mit allen Regeln für einen coronagerechten Strandbesuch prangt am Eingang zum Posten der Rettungsschwimmer. Gruppen von maximal 15 Personen dürfen sich demnach am Strand vergnügen, beim Sonnenbad gilt ein Mindestabstand von sechs Metern zum Meer. "Verstöße können Badegäste bei uns melden. Dann informieren wir die Polizei oder den Zivilschutz", erklärt Cuadros. Dass es viel Ärger geben wird, glaubt er nicht. "Die Urlauber hier sind ruhiger als in Palma, Cala Rajada oder Magaluf", meint er. Noch sind Kontrollen aufgrund des geringen Besucherandrangs eh nicht nötig. Es gibt reichlich Platz, ein paar Spanier und Residenten haben den gesamten Strand für sich, mitsamt dem Seegras, denn dieses wird zurzeit noch entfernt.

Auch auf der 1962 erbauten Uferpromenade bleiben wenige Radfahrer und Spaziergänger unter sich. Pensionär Gunther Strelewitz wohnt im benachbarten Son Servera und genießt den Bummel mit Meerblick. "Die Promenade war lange geschlossen. Eine Drohne kontrollierte die Ausgangssperre. Erst seit ein paar Tagen gibt es ganz langsam wieder mehr Leben", berichtet der Schweriner, der seit 20 Jahren mehrere Monate im Jahr auf der Insel verbringt. "Die Maßnahmen waren schon ein bisschen überdreht, für alte Leute schwer aushaltbar", findet er. Seinem Bewegungsdrang frönte der Hobbysportler während der Coronakrise auf verstecken Waldwegen und dem Golfplatz. "Gott sei Dank habe ich keine wirtschaftlichen Probleme wie etwa die Ladenbesitzer", erklärt er. Damit darf er sich in Cala Millor sicher zu einer der wenigen glücklichen Ausnahmen zählen.

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