Daniel Wahl. | Ultima Hora

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Mallorca Magazin: Herr Wahl, warum sind Sie nach Mallorca gezogen?

Daniel Wahl:Als Kind habe ich mit meinen Eltern Urlaub am Mittelmeer gemacht und gemerkt, dass man hier angenehmer lebt als in Nordeuropa. Mallorca hat mich besonders angezogen. Die Insel ist auch ein interessantes Testfeld für bioregionale regenerative Entwicklung.

MM: Was bedeutet bioregionale regenerative Entwicklung?

Wahl:Es bleiben uns – laut Weltklimarat – nur wenige Jahre, um einen katastrophalen und irreversiblen Klimawandel zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten. Wir brauchen dringend transformative Innovation, die mit einer Re-Lokalisierung und Re-Regionalisierung einhergehen muss, um Klimaresilienz, also Widerstandskraft, für eine turbulente Zukunft zu schaffen und gleichzeitig die lebenserhaltenden Funktionen aller Ökosysteme zu schützen und zu regenerieren. Nachhaltiges Handeln, das nur keinen weiteren Schaden anrichtet, reicht nicht mehr aus.

MM: Haben wir denn noch Zeit für ein Testfeld? Und müssten nicht weltweit alle anpacken?

Wahl:Absolut, aber was kann man machen? Man kann nur irgendwo anfangen. Die Resilienz der Menschen gegenüber dem Klimawandel zu fördern und eine diversere Regionalwirtschaft anzukurbeln, macht auch Sinn, wenn es schon zu spät ist. Es wird uns in den nächsten Jahrzehnten besser gehen, wenn wir hier mehr Essen produzieren können, mehr Bäume auf der Insel sind, der Wasserkreislauf vernünftig gemanagt wird und wir erneuerbare Energien erzeugen können statt abhängig zu sein von Importen wie Kohle aus Polen oder Gas aus Algerien. Ich meine aber keinen Bioregionalismus, der sich von der Welt abkapselt. Mallorca kann ein Reallabor für den Wandel in mediterranen Klimazonen sein, wo wir viel Kapazität schaffen und Wissen mit Nordafrika und anderen Teilen des Mittelmeerraums austauschen können.

MM: Was ist das Besondere an Mallorca?

Wahl: Die Dimension ist ideal. Mallorca ist nicht zu klein, sondern groß genug, dass es auch als Modell für andere Situationen dienen kann, in denen eine Stadt mit 500.000 Einwohnern in einem Millionen-Umland liegt.

MM: Und die Insel selbst?

Wahl:Die Insel selbst hat ein enormes Potential. Durch die Tramuntana haben wir sämtliche Klimazonen des Mittelmeerraums. Die Regenfalldifferenz zwischen Lluc und Santanyí ist fast die gleiche wie zwischen Santiago de Compostela und Almería. Also haben wir die Klimadifferenz der spanischen Halbinsel auf einer kleinen Skala. Mallorca hat auch die höchste Biodiversität von Nutzpflanzen im mediterranen Raum. Außerdem sind wir privilegiert. Viele sehr reiche internationale Gäste haben hier ein Anwesen und über die Jahre eine Beziehung zur Insel aufgebaut. Wenn wir sie richtig ansprechen, können wir, glaube ich, sehr viel Unterstützung bekommen für das Konzept: „Lass uns zeigen, dass es möglich ist, auf der Skala einer Region einen positiven Wandel voranzutreiben. Lass uns die Insel beschützen und positiv gestalten.” Das passiert ja schon. Ein Beispiel ist der Mallorca Preservation Fund des englischen Investors Ben Goldsmith.

MM: Ende 2019 haben Sie vor mallorquinischen Hoteliers für regenerativen Tourismus plädiert.

Wahl: Der Grundgedanke ist, dass die Tourismusindustrie in erneuerbare Energien investiert, in einen Transport, der nicht auf dem Verbrennen fossiler Brennstoffe basiert, in lokale nachhaltige Landwirtschaft, in langfristige Projekte, die die Insel ökologisch reichhaltiger und produktiver machen, weil das ja auch der Grund ist, warum die Leute herkommen.

MM: Inzwischen ist der Tourismus zusammengebrochen. Hören Ihnen die Hoteliers noch zu?

Wahl: Mitten in der Krise haben die Hoteliers keine offenen Ohren für Visionen. Aber die Krise wird noch tiefer beißen, und dann wird es an der Zeit sein, eine grundlegendere Unterhaltung zu führen über die Transformation des Wirtschaftssystems auf der Insel, wo dann die Hoteliers, die Zivilbevölkerung, Landwirtschaftsverbindungen und Regierung zusammenarbeiten müssen. Dann bin ich gerne bereit, international Hilfe von Experten einzubinden, die sich über so etwas schon länger Gedanken machen.

MM: Die Krise als Chance?

Wahl: Ich bin hoffnungsvoll, dass wir im Zwang der Not wirklich tiefer nachdenken müssen, und dass der Wandel schneller stattfindet. Da ist ja auch die Situation Ende Januar, wenn die spanischen Regelungen zur Kurzarbeit (ERTE) auslaufen und auf einmal Millionen Menschen auf der Insel arbeitslos in den „Paro” gehen sollen, also sich arbeitslos melden müssen. Sollten wir das nicht durch ein universelles Grundeinkommen abdecken, wo wir flexibler erlauben, dass Leute vielleicht einen Teil ihrer Zeit wieder in der Landwirtschaft arbeiten oder in der Aufforstung von Mallorca? Wenn wir sowieso jetzt zwei oder drei Jahre lang eine sehr andere Wirtschaftssituation haben, dann lasst uns doch die Zeit für die Insel nutzen. Kümmern wir uns um die Böden, den Wasserkreislauf, um Aufforstung und Agroforst-Systeme.

MM:Zurück zur Natur durch Corona?

Wahl: Die Pandemie zeigt, dass es um planetarische Gesundheit geht, und wir individuelle und Bevölkerungsgesundheit nur dann langfristig positiv beeinflussen können, wenn wir die Ökosysteme und den Planeten heilen. Es ist wie ein Übergangsritual. Die Menschheit kommt aus der Teenager-Phase heraus, wo wir meinen, wir können aus der Mutter Erde alles herausholen, es gehört uns ja. Wir werden erwachsene Mitglieder der Gemeinschaft des Lebens und verstehen, dass nur wenn wir dem Leben zuträglich sind, wir auch noch eine Rolle in dem langen Prozess spielen werden.

MM: Da tut sich doch schon einiges: Permakultur, regenerative Landwirtschaft, Umweltschutz- und Bildungsprojekte.

Wahl: In Landwirtschaft, Transport, Bildung sind wunderschöne Projekte entstanden. Der Wandel findet schon statt, nur eben langsam, wie alles auf der Insel. Ich hoffe, dass die Strukturen und Netzwerke, die sich über die vergangenen Jahre geformt haben, am Tisch sitzen werden, wenn die Unterhaltung um schnellere und radikalere Neugestaltung stattfindet.

MM: Passt dann Tourismus überhaupt noch ins Bild? Schließlich kommen die meisten Touristen mit dem Flugzeug auf die Insel!

Wahl: Es wird viel daran gearbeitet, das Fliegen umweltfreundlicher zu machen. Und langfristig ändert sich die Arbeitsstruktur. Da hat sich die Pandemie vielleicht auch positiv ausgewirkt. Der Gedanke der Fernarbeit klingt nicht mehr so gefährlich, weil man es ausprobieren musste und gemerkt hat, dass die Leute trotzdem arbeiten. Das kann ganz neue Arten des Reisens eröffnen, wo die Leute länger bleiben können, vielleicht auch, weil sie nicht nur zum Urlaub kommen, sondern eben auch zum Lernen. Da kann man Modelle schaffen, wo viel weniger Fliegen nötig ist und trotzdem noch relativ viele Touristen auf die Insel kommen können.

Mit Daniel Wahl sprach Eva Ulmer