Dorfkern oberhalb von Bootsbaracken: Perfekter kann Mittelmeeridylle nicht sein. | Patricia Lozano

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Wenn an einem frühen Sommernachmittag in Portocolom die blauen oder grünen Fensterläden geschlossen sind und auf den Balkons manch einer im Schaukelstuhl döst, wird dem Beobachter schnell klar, dass er sich in einer entschleunigten Gegend befindet. Die Straßen sind leer, das zwar penetrante, aber dennoch angenehme Geräusch der Zikaden füllt die Tiefe des Raums. Vögel zwitschern zwischen den Kiefern. Schweift der Blick über die riesige Bucht – der größte natürliche Hafen der Insel – so sticht alsbald fast einem Dom gleich der markante, auffallend hohe schwarz-weiß-gestreifte Leuchtturm an der Ausfahrt zum offenen Meer ins Auge. In der Bucht sind die vielen alten Bootsbaracken ein Hingucker.

Und die zum Trocknen ausgelegten Fischernetze auf dem erst kürzlich von Spezialisten wieder liebevoll restaurierten, mehr als 100 Jahre alten Steingewirr auf der alten Hafenmole. Daneben steht die deutsche Urlauberin Selina mit ihrem Freund und fotografiert die bunten Objekte aus fast allen Winkeln. „Das fasziniert mich so sehr”, sagt die knapp über 20-jährige Frau und ignoriert die gleißende, erbarmungslose Sonne. „Ich könnte hier Stunden sein.”

Nicht wenige Bewohner des etwa 4500 Seelen zählenden Fischerortes und Hafens von Felanitx schauen derweil mit Langmut und Gelassenheit von Terrassen wie der des Restaurants Mestral auf die Boote hinaus. Hinter den geschlossenen Fensterläden der alten Privathäuser hört man, wie manch eine Frau mit typisch mediterraner Reibeisenstimme irgendwelche Kinder zurechtweist. „Cállenseee!” („Haltet den Mund!”)

Auf der Uferstraße ist kaum einer außer dem MM-Emissär und Touristen wie Selina unterwegs. Ein leicht frischer S’Embat-Wind vom Meer vermag es, den Reporter bei Laune zu halten. Die Fähigkeit, die Angebote am Ausflugsboot-Steg zu erkennen, bleibt jedenfalls erhalten. Eine Mitarbeiterin macht verbal versiert auf Fahrten, etwa zur Cala Varques aufmerksam. „You get all you want”, flötet sie eher leise, aber bestimmt.

Mallorquinisch-mediterrane Authentizität und das eher hintergründig daherkommende Auftreten ausländischer Urlauber und Residenten machen aus dem Örtchen, mit der unendlich mittelmeerhaften„Mare de Deu del Carme”-Kirche einen Hotspot der Begegnung auf rustikaler und zugleich eloquenter Ebene. Im Restaurant Mestral jedenfalls verquicken sich unterschiedliche Nationalitäten zu einem nachgerade harmonischen Großen und Ganzen.

Das lärmig-sandvernarrte Großhotel-Publikum, wie man es etwa in Can Picafort oder an der Playa de Muro antrifft, ist hier nicht anwesend. Was vielleicht auch daran liegt, dass es nur ein paar Strände gibt, die eher entfernt vom Dorf liegen. So wie der kleine Arenal-Strand, der sich nahe dem Leuchtturm befindet, oder die Cala Marçal. Ansonsten zieht es hier eher Fans von Randvergnügungen wie dem Flaschentauchen hin. Mehrere einschlägige Anbieter gibt es hier, auf Schlauchbooten geht es in fischreiche Gewässer.

Gewässer, die der legendäre Entdecker Christoph Kolumbus (1451-1506) wohl nicht durchpflügte, auch wenn das Dorf seinen Namen trägt. Eine Theorie, wonach der Seefahrer in Felanitx geboren wurde, gilt in der Wissenschaftlerwelt als eher unglaubwürdig.

Der Hafen in Portocolom

Allgemeine Langsamkeit, Abgeschiedenheit und ein uriger Charme machen aus Portocolom einen ungewöhnlichen Meeresort auf der derzeit so vollen Insel. Dass das hier so ist, liegt vor allem an den Einwohnern, die mehr als einmal zeigten, dass sie widerborstig sind: Hotelklötze ließen sie genauso wenig zu wie gutgemeinte Baumaßnahmen. 2019 etwa beschädigten erboste Einwohner einen von der Hafenbehörde am Ufer gebauten Fußgängerweg, obwohl dieser aus Marésstein bestand. Er wurde kleinlaut wieder entfernt.