Norbert Fiebig ist Präsident des Unternehmerdachverbandes der deutschen Reisewirtschaft. | DRV

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Nachhaltigkeit und Klimaschutz stehen längst nicht nur bei Naturschützern und Umweltaktivisten ganz oben auf der Agenda. Auch die weltweite Reisebranche hat sich die Erhaltung von Natur und die Vermeidung von Ressourcen auf die Fahne geschrieben. Zu beiden Themen fand Anfang April ein vom Welttourismusverband organisierter Kongress in Palma statt.Zu den wichtigsten Rednern auf der Fachtagung gehörte neben dem Vorsitzenden des britischen Reiseveranstalterverbandes (ABTA) Mark Tanzer auch der Präsident des deutschen Reiseverbandes (DRV) Norbert Fiebig. Für die MM stand der Touristikexperte am Rande des Kongresses Rede und Antwort.

MM:Auf Mallorca erwartet man zu Ostern wieder volle Flieger und volle Ferienunterkünfte. Teilen Sie die gegenwärtige Euphorie in der Reisebranche?

Norbert Fiebig:Die Anzeichen für eine erfolgreiche Urlaubssaison auch nach den Osterfeiertagen stehen derzeit außerordentlich gut, die Reiselust der Deutschen ist momentan sehr stark ausgeprägt.

MM:Klingt nach den guten alten Vor-Corona-Zeiten. Oder wäre das übertrieben zu behaupten?

Fiebig:Ja. Ich glaube nicht, dass wir dieses Jahres die Buchungszahlen im Gesamturlaubsgeschäft wie 2019 erreichen werden. Dafür sind die Geschäfte im vergangenen Winter einfach zu schlecht gelaufen. Von November bis Januar lagen wir fast 40 Prozent hinter den Buchungszahlen von vor zwei Jahren.

MM:Doch dann ging es plötzlich steil bergauf ...

Fiebig:Und wie. Wir registrieren seit Februar von Woche zu Woche einen höheren Buchungszuwachs als im gleichen Zeitraum von 2019. Dennoch: Wir werden die Zahlen aus Vor-Corona-Zeiten wohl erst 2023 vollständig erreichen. Das mag bei einzelnen Reiseveranstaltern natürlich anders aussehen.

MM:Welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg für die derzeitige Entwicklung in der deutschen Reisebranche?

Fiebig:Wir sehen derzeit keinen Einfluss des Krieges auf das Reiseverhalten der Deutschen. Das klingt erst einmal überraschend, ist aber gegenwärtig der Fall.

MM:Die Balearen gelten als sicheres Reiseziel in Europa. Kommt den Inseln dieser Ruf gerade in diesen unsicheren Zeichen zugute?

Fiebig:Das könnte man meinen, dem ist aber nicht so. Das östliche Mittelmeer, allen voran die Türkei und Griechenland, werden derzeit sogar besser gebucht als einige Destinationen im westlichen Mittelmeer. Aktuell liegt dieser Vorsprung bei 42 zu 34 hinsichtlich des prozentualen Buchungsaufkommens in beiden Reisegebieten.

MM:Der Ukraine-Krieg hat in ganz Europa zu einer dramatischen Verschlechterung der Wirtschaftslage geführt. Das soll wirklich keine bereits mittelfristigen Auswirkungen auf die Reisebranche haben?

Fiebig:Über diese Auswirkungen lässt sich derzeit nur mutmaßen. Messbar sind sie für uns derzeit nicht. Es gibt natürlich auch unterschiedliche Szenarien für die Zukunft.

MM:Die Angst vor einer weiter steigenden Inflationsrate ist sicherlich eine davon, oder?

Fiebig:Urlaub und Verreisen stand in Deutschland auf der Wunschliste vieler Haushalte traditionell immer ganz weit oben. Natürlich ist es vorstellbar, dass jetzt viele Verbraucher aus Angst vor drohender Arbeitslosigkeit oder einer Verschlechterung der finanziellen Lage ihre Reisepläne verwerfen. Es ist aber wiederum auch gut denkbar, dass viele Menschen sich gerade in diesen unsicheren Zeiten überlegen, noch einmal wegzufahren, also um sich etwas zu gönnen, bevor es vielleicht zu spät dafür ist. Das spiegelt sich derzeit möglicherweise auch in einem veränderten Buchungsverhalten wider.

MM:In welcher Form?

Fiebig:Wir registrieren, dass die Kunden derzeit generell mehr Geld in den Urlaubsaufenthalt investieren als früher. Sich also beispielsweise für eine höhere Unterkunftskategorie entscheiden als in der Vergangenheit. Motto: Lieber vier als drei Sterne. Dieses Verhalten könnte entweder mit der nach zwei Jahren Zwangspause wiedererwachten Reiselust zu tun haben, oder aber mit dem Wunsch, sich gerade in Krisenzeiten etwas Besonderes leisten zu wollen. Und dann gibt es noch die Zögerer.

MM:Wie passen die derzeit ins Bild?

Fiebig:Viele potenzielle Urlauber warten mit der Reisebuchung ab oder lassen sich aufgrund der immer noch unsicheren Lage Zeit damit. Und das sowohl im Hinblick auf die abklingende Corona-Pandemie als auch den Ukraine-Krieg und seinen unvorhersehbaren Auswirkungen.

MM:Könnte das möglicherweise die Renaissance von Last-Minute-Angeboten in der Reisebranche zur Folge haben?

Fiebig:Nein, in keinem Fall. Kampfpreise wie in früheren Zeiten können sich die Veranstalter gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten gar nicht mehr leisten. Und auch die Verbraucher warten nicht auf Schnäppchenpreise, sondern vielmehr auf den „richtigen”, sprich sicheren Zeitpunkt zum Buchen. Und das, obwohl viele Reiseveranstalter ihren Kunden derzeit sehr verbraucherfreundliche Stornierungsmöglichkeiten anbieten.

MM:Mallorcas Hoteliers haben erklärt, für den Wiederansturm von Urlaubern gerüstet zu sein. Allerdings haben sie Probleme, ausreichend Personal für ihre Unterkünfte zu finden. Ein hausgemachtes Problem?

Fiebig:Nein, keinesfalls. Auch in Deutschland haben viele Unternehmen derzeit Probleme bei der Personalbeschaffung.

MM:Was sind die Gründe dafür?

Fiebig:Viele Tourismusbeschäftigte wurden im Zuge der Corona-Pandemie in Kurzarbeit oder in Arbeitslosigkeit geschickt. Die meisten von ihnen wanderten in andere Branchen ab. Auf Mallorca ist die Situation noch komplizierter.

MM:Warum?

Fiebig:Unterbringungsmöglichkeiten für Saisonkräfte vom Festland sind auf der Insel kaum vorhanden, beziehungsweise so teuer geworden, dass sie viele Tourismusfachkräfte von außerhalb abschrecken. Das kann im Sommer zu ernsten Problemen für viele Unternehmen führen.

Das Interview führte Andreas John.